Die polygamen Unternehmer
VentureCapital Magazin „Start-up 2008“
Serial Entrepreneurs verhelfen der Gründerszene zu neuem Glanz Von Peter B. Záboji, Gründer und Präsident der European Entrepreneurship Foundation und INSEAD Entrepreneur in Residence
Sie gründen häufiger Unternehmen, als andere Menschen Autos kaufen: die Serien-Gründer, im angelsächsischen Sprachraum respektvoll wie elitär klingend Serial Entrepreneure genannt. Ein Entrepreneur, das ist jemand, der eine Marktchance erkennt und daraus ein Geschäft entwickelt. Die Spezies des Serial Entrepreneurs war in unseren Breitengraden lange eine Seltenheit. Doch inzwischen mangelt es auch in der „Alten Welt“ nicht mehr an mutigen und überzeugenden Unternehmerpersönlichkeiten zur Förderung und Finanzierung junger Technologieunternehmen.
Neuer Machertyp
In den USA gab es schon in den 70er und 80er Jahren 10% Serials unter den Firmengründern. Sie waren es, die den Begriff Silicon Valley geprägt haben. Heute ist deren Anteil auf fast 25% gestiegen, schätzen Experten. Auch in Deutschland etabliert sich eine Elite von Serial Entrepreneurs, die schneller als bisher neue Firmen, innovative Technologien und sichere Arbeitsplätze schaffen. Da sind zum Beispiel die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, die Alando und Jamba groß machten und auch ihre Beteiligungen MyVideo und StudiVZ. Oder Daniel Wild, der zunächst getmobile auf die Schiene setzte und nun mit seiner Beteiligungsfirma Tiburon jungen Internet-Start-ups auf die Sprünge hilft. Und regelrechte Unternehmer-Haudegen wie Klaus Hommels, der mit seiner Unterstützung für Skype bewiesen hat, dass auch europäische Unternehmer in kurzer Zeit eine Milliardenfirma schaffen können. Die Unternehmen dieser Seriengründer haben vier herausragende Eigenschaften gemeinsam:
- Erfolg durch Erfahrung
- Erfolg durch Teams
- Erfolg durch Investitionen und
- Erfolg durch Ausbildung
Dieser vierfache Beschleuniger lässt ihre Unternehmen schneller wachsen, macht das eingesetzte Kapital früher rentabel und zieht gut ausgebildete Nachwuchsmanager und pfiffige Hochschulabsolventen geradezu magisch an.
Erfolg durch Erfahrung
Hier sei ein deftiger Vergleich gewagt. Mit Serial Entrepreneurs ist es eigentlich wie beim Sex: Nichts geht über die Erfahrung. Einer, der den chaotischen Schöpfungsakt mal mitgemacht hat, wie aus einer Vision ein Unternehmen entsteht, der ist geläutert. Er bleibt gelassen, wenn bei der nächsten Gründung der Himmel einzustürzen droht, und handelt! Wo andere mögliches Versagen wittern, erkennt er nur Potenziale. Dabei ist er in höchstem Maße polygam: Während andere es schätzen, jahrelang dieselbe Firma zu führen, drängt es ihn immer wieder zu neuen unternehmerischen Herausforderungen. Der Serial Entrepreneur ist effektiv, weil er sich in einer frühen Phase der Gründung ins Unternehmen einbringt. Er ist bereit, dafür immer wieder von vorne die harten und steinigen Pfade zu gehen, die der Aufbau eines Unternehmens nach der Gründungsphase mit sich bringt. Er steht auf, wo andere noch verschnaufen. Er hat kein Problem damit, gerade die schwierigsten Phasen im Evolutionsprozess einer Firma immer wieder zu durchleben und zu gestalten. Sein Antrieb ist die Skalierung – jener Prozess der unaufhaltsamen Steigerung von Umsatz, Mitarbeitern, Marktanteilen und Profit. Das ist für ihn ein ganz besonderer Honig.
Erfolg durch Teamarbeit
Ein besonderes Merkmal ist die Fähigkeit zur Teamarbeit. Der Serial Entrepreneur weiß: Je vielschichtiger der kollektive Erfahrungshorizont eines Führungsteams ist, umso größer ist dessen Leistungsfähigkeit. Allerdings geht ein Großteil der kreativen Energie häufig durch Reibung verloren. Doch diese Reibung verändert sich eher zur Vaseline, wenn es klappt, lauter Spitzenleute zur Zusammenarbeit zu bringen. Das gelingt den visionären Entrepreneur-Persönlichkeiten durch die Ausrichtung derbeteiligten Individuen auf eine gemeinsame Vision. Dabei ist gerade die Zusammenarbeit mit genialen Leuten eine Herausforderung. Denn es ist doch so: Den höchsten Grad an Innovation und Kreativität erreicht man durch eine Unternehmenskultur, in der sich Individuen mit herausragenden Fähigkeiten gegenseitig inspirieren und ergänzen. Den meisten klugen Köpfen ist gemeinsam, dass sie sich gerne mit Menschen umgeben, von denen sie möglichst viel lernen können. Dadurch entwickelt sich eine Eigendynamik, die ein schnelles Unternehmenswachstum ermöglicht, ohne dass dabei der Qualitätsanspruch an die neuen Mitarbeiter gesenkt werden muss.
Erfolg durch Investition
Die Ikone des Serial Entrepreneurs ist Steven Jobs. Nachdem ihn John Sculley, der Mann, den er selbst in die Firma geholt hatte, um aus Apple einen Konzern zu schmieden, vor die Tür gesetzt hatte, fing Jobs von vorne an. Er gründete die neue Firma Pixel, einen anderen Milliardenerfolg. Und Next, das dann von Apple gekauft wurde. So kehrte er am Ende zurück, um mit iPod und iPhone weitere Erfolgsgeschichten zu schreiben. Die New Economy hat in Deutschland viele Unternehmerpersönlichkeiten hervorgebracht, die Fortune hatten. Sie waren nach dem Verkauf ihres ersten Unternehmens reich – aber zu jung, um sich auf ihre Yacht oder Insel zurückzuziehen. Heute ziehen sie durchs Land um zu schauen, wo etwas Schlaues präsentiert wird. Das Einzigartige daran ist: Intelligente Gründer brauchen inzwischen kein Venture Capital und keine Business Angels mehr, die schlau – oder dumm – mitreden. Und das ist gut so. Denn Gründer hassen das.
Mehr als Kapital
Stattdessen finden sie den Mentor, der in einer völlig neuen Art und Weise investiert. Nicht mehr das Kapital steht im Vordergrund dieser Partnerschaften. Der Serial Entrepreneur bringt viel wertvollere Dinge ein: Erfahrung, Wissen, Engagement. Dazu kommen Netzwerke und Coaching-Know-how, um den Nachwuchs zu fordern und zu fördern. Und am Ende bringen sie auch andere Investoren mit. Wer ein- oder mehrmals erfolgreich investiert hat, dem vertrauen auch andere Gründerprofis. Sie helfen den Start-ups, über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden und schnell ihre Märkte zu erobern. Für mich ist das der Sieg des Individuums über Konzerne, Bürokratien und Institutionen. Das ist völlig neu für Europa. Denn das gab es vorher nicht.
Erfolg durch Ausbildung
Solches Unternehmertum wird an den herkömmlichen Universitäten und Hochschulen nicht gelehrt. Darum hat die internationale Business School INSEAD (Fontainebleau/ Singapur) gemeinsam mit der Business School IESE in Barcelona den European Entrepreneurship Accelerator ins Leben gerufen. Das ist ein anspruchsvoller Elitekurs, der MBAs erlaubt, Seite an Seite mit einem Serial Entrepreneur zu arbeiten – in Projekten wie der Erschließung weiterer Märkte, Geschäftsgestaltung oder der Vorbereitung des Exits. Der besondere Lerneffekt: Die Studenten bekommen einen realistischen Eindruck davon, was es heißt, eine Firma in Gang zu setzen. Sie können ihren Schatz an theoretischem Wissen direkt in den verrückten, leidenschaftlichen Akt der Gründung, der Entwicklung und Führung eines Unternehmens einbringen. Sie erfahren, was sonst noch alles für das erfolgreiche Wachstum wichtig ist: Teamgeist, Entscheidungsfreude und alles mit wenig Mitteln schnell zu erledigen! Übrigens: Noch vor zehn Jahren mussten die MBAs zum Unternehmertum bekehrt werden. Jetzt machen immer mehr Kandidaten ihr MBA mit dem Ziel, selbst Unternehmer zu werden. Daher startet im Dezember der dritte Kurs mit Serial Entrepreneurs!
Attachments
Serial Entrepreneurs.pdf

















